Alois Schweiger - ein Nassenfelser trägt zur deutsch-deutschen Geschichte bei

Veröffentlicht am 8. November 2026 um 16:06

von Stefan Bockelmann und Michael Schweiger

40 Jahre Städtepartnerschaft!

Ohne Alois Schweiger aus Nassenfels gäbe es weder die Städtepartnerschaft zwischen dem Markt Nassenfels und der unterfränkischen Stadt Fladungen im Landkreis Rhön-Grabfeld, noch den Fladunger Platz in Nassenfels, der heute sichtbar an diese besondere Verbindung erinnert. 

Die Städtepartnerschaft zwischen dem Markt Nassenfels und der Stadt Fladungen feiert in diesem Jahr (2026) immerhin ihr 40 Jähriges Jubiläum.

Als Anerkennung für seinen unermüdlichen und engagierten Einsatz, die Verbindungen zwischen beiden Gemeinden weit über familiäre Bindungen hinaus auszubauen, lebendig zu gestalten und nachhaltig zu festigen, haben wir vom Verein für Heimatpflege im Schuttergäu beschlossen, Alois Schweiger auf unseren Seiten einen eigenen, ihm gebührenden Beitrag zu widmen. 


Oben: Alois (rechts) mit seinem älteren Bruder Michael (links) vor dem alten Schulhaus Nassenfels (heutiges Rathaus) (Bildnachweis: Sammlung Michael Schweiger)

Rechts: Familie Schweiger um ca. 1930 vor ihrem Haus Nr. 23 in Nassenfels. Walburga Schweiger, geb. Meilinger aus Zell a.d. Speck, daneben ihr Ehemann Michael Schweiger, darunter die Kinder (v.l.n.r.) Kreszentia, Walburga, Michael und Alois (Bildnachweis: Sammlung Michael Schweiger)

Geburt und Kindheit

Alois wurde am 6. August 1924 in Nassenfels, Haus Nr. 35 – dem heutigen „Zum Bräu“ – geboren. Auf dem Land erlebte er, trotz der aufziehenden dunklen Wolken der NS-Diktatur, eine unbeschwerte Kindheit mit den üblichen lausbübischen Streichen. Bis heute erzählt man sich, wie er einem anderen Buben dessen Kommunionkerze über den Kopf schlug, sodass sie zerbrach. Auch in der Schule ließ er sich einiges einfallen: Den Zopf des vor ihm sitzenden Mädchens tauchte er kurzerhand ins Tintenfass.

Mit der nationalsozialistischen Erziehung und Ideologie hielt auch der Boxsport Einzug in Nassenfels. Im Zehendstadel und auch auf dem heimischen Dachboden wurde daher eifrig geboxt. Fußball spielte man in Nassenfels ebenfalls schon – allerdings fehlte ein richtiger Sportplatz. Kurzerhand erklärte man die Straße vor dem Zehendstadel zum Fußballfeld: Das große Tor des Stadels diente als Tor, während zwei Aufpasser – einer beim Bräu und einer beim Haushaltswarengeschäft Katzenstein, heute Schuster / Fahrschule Libal – durch lautes Rufen dafür sorgten, dass das Spielfeld geräumt wurde, sobald ein Auto kam.

 

Eingeschult wurde Alois am 16.03.1931 in die Volksschule Nassenfels, von der er am 10. April 1938 auf die Ländl. Berufsschule in Nassenfels wechselte. Diese besuchte er knapp 2 Jahre bis zum 16. März 1940. Vermutlich half er ab dann ca. 1  1/2 Jahre auf dem heimischen Hof. 

Ab dem 06. November 1941 besuchte er bis zum 06. März 1942 die Landwirtschaftsschule in Eichstätt.  Überliefert ist, dass Alois im Sommer 1942 beim Metzger in Nassenfels beim Schlachten aushalf. 


Militärdienst

Im Dezember 1942 wurde Alois Schweiger zum Militädienst eingezogen und im Rahmen der Grundausbildung zum Funker und Fernsprecher auchgebildet. Nachdem er in München für tropentauglich erklärt wurde, wurde er dem Afrika Korps zugeteilt.

Mit der neu aufgestellten Ersatzabteilung der 90. Panzergrenadierdivision wurde Alois im April 1943 nach Neapel verlegt. Von dort sollte es weitergehen nach Afrika. Da sich aber zu dieser Zeit das Afrika Korps bereits auf dem Rückzug befand, erfolgte der Einsatzbefehl Anfang Mai 1943 nach Sardinien. Auf dem Flug nach Olbia wurde Alois das erste Mal mit der Realitöt des Krieges konfrontiert, als ein paar Transportflugzeuge aus seiner Gruppe durch die US-Luftwaffe abgeschossen wurden. 

Mit dem weiteren Rückzug der Wehrmacht wurde Sardinien im September 1943 geräumt und es ging für Alois per Schiff nach Korsika und von dort mit der legendären Ju-52 zurück aufs Festland. Fast wäre hier die Geschichte von Alois geendet, als kurz vor Abflug  der Flugplatz durch die US Airforce angegriffen, und er am Stahlhelm von einem Bombensplitter getroffen wurde. Nach kurzer Zeit war er aber wieder soweit "beinander", dass er mit nach Florenz fliegen konnte. 

Anfang Oktober erhielt Alois 14 Tage Heimaturlaub. Kaum zuhause, erkrankte er jedoch an Malaria und musste diese vier Wochen im Lazarett Eichstätt auskurieren. Am 15. November 1943 wurde er entlassen und durfte einen vierwöchigen Erholungsurlaub antreten, an den er seinen Jahresurlaub anschließen konnte. So verbrachte Alois Weihnachten und den Jahreswechsel 1943/44 in Nassenfels. 

Alois Schweiger als Soldate der Wehrmacht (Foto: Sammlung Michael Schweiger)

 

Um den 20. Januar 1944 musste Alois zum Dienst zurück. Seine Stationen waren Frankfurt/Oder, Neuruppin zum Sprenglehrgang und Küstrin. Anfang Februar kehrte er nach Frankfurt/Oder zurück, um Mitte bis Ende Februar mit dem Truppentransport wieder nach Italien zu verlegen. Anfang März 1944 war er erneut bei seiner Einheit, der 8. Batterie des Art.-Reg. 190, unterstellt der 90. Grenadierdivision, die im Raum Monte Cassino in Stellung lag. Am 27. März 1944 wurde Alois durch einen Granateinschlag am Rücken zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt schwer verletzt. Über verschiedene Lazarette kam er nach Dinkelsbühl in Bayern und anschließend nach Karlsbad-Meierhöfen (heute Karlovy Vary, Tschechien).

 

Nach Entlassung aus dem Lazarett und drei Wochen Urlaub kehrte Alois nach Frankfurt / Oder zurück. Dort absolvierte er von Oktober bis Mitte Dezember 1944 einen Unteroffizierslehrgang. Anschließend kam er zu einer Truppe bei Reppen, östlich der Oder (heute Rzepin, Polen). Beim Ansturm der russischen Armee gelang ihm mit den letzten Truppen die Flucht über die Oderbrücke bei Frankfurt / Oder.

Bei Eberswalde kam Alois erneut zum Kriegseinsatz. Seine Einheit wurde von den Russen überrannt und eingeschlossen. In Gruppen von drei bis vier Mann versuchten sie Ende April / Anfang Mai 1945, sich rund 100 km durch die russischen Linien zu den Amerikanern durchzuschlagen. Niemand wollte in russische Gefangenschaft. Obwohl der Krieg offiziell bereits vorbei war, wurde Alois' Gruppe dreimal von russischen Soldaten festgesetzt, konnte sich jedoch jedes Mal der Gefangenschaft entziehen. Am 12. Mai 1945 durchschwammen die Soldaten die Elbe und ergaben sich den amerikanischen Truppen.

Ein Erlass der Alliierten Militärkommission bestimmte, dass deutsche Soldaten, die nach Kriegsende aufgegriffen wurden, gegen die Rote Armee gekämpft hatten und keine offiziellen Entlassungspapiere vorweisen konnten, an die russische Armee auszuliefern waren.

So geriet Alois doch noch in russische Kriegsgefangenschaft.

 


Nach dem Krieg

Alois kehrte erst am 04.12.1947 aus russischer Gefangenschaft heim nach Nassenfels. Ab 3. November 1948 setzte er seine Ausbildung auf der Landwirtschaftsschule in Eichstätt bis zum 11. März 1949 fort. Über dem Sommer half er wieder auf dem heimischen Hof aus, bevor er sich dann im November 1949 bei der Zollgrenzdirektion Süd-München für die Einstellung im Grenzaufsichtsdienst bewarb.

Am 28 Februar 1950 legt Alois die Einstellungsprüfung für den Grenzaufsichtsdienst in Nürnberg ab und besteht diese erfolgreich, worauf er dann am 19. April in der Inspektion des GAD (Grenzaufsichtsdienst) in Schweinfurt eingestellt wurde. Dieses war zuständig für die Überwachung der Zonengrenze im Raum Unterfranken. 

 

rechts: Alois Schweiger 1949 als Hochzeitslader bei seiner Schwester Wallburga. (Bildnachweis: Sammlung Michael Schweiger)


Versetzung nach Fladungen

Schon einen Tag später wurde Alois am 20. April 1950 von Schweinfurt über das Zollgrenzkommissariat (ZKOM) Mellrichstadt an die Grenzaufsichtsstelle Fladungen in der Rhön versetzt. Als Alois Schweiger in Fladungen aus dem Zug gestiegen war, hatte er sich nur gedacht: "Hier bleibe ich auf keinen Fall!"

Seine Tätigkeit beim Grenzaufsichtsdienst bestand in erster Linier aus der "Dienstverrichtung als Angestellter mit schwieriger Tätigkeit" an der Zonengrenze, also aus Streifen und Grenzbegehungen in der Regel mit 2 Mann. Nur knapp drei Monate nach seinem Dienstantritt kam es bei einem derartigen Streifendienst zu einem Zwischenfall (siehe Kasten). 

Seinen Erzählungen zufolge war es in der Ostrhön fast immer neblig und kalt, besonders in den langen Wintermonaten. Dennoch lernte er dort Klara Walter kennen und lieben, die Tochter des Dorfschmieds und Bürgermeisters von Oberfladungen. Am 22. Februar 1952 heiratete er seine Klara und begründete mit ihr seine eigene Familie.

Am 22. Januar 1954 wurde Alois zum Zollassistenten befördert und zugleich zum Beamten auf Lebenszeit ernannt, ein wichtiger Schritt in seiner beruflichen Laufbahn.

Am 24. August 1960 erfolgte seine Beförderung zum Zollsekretär. Knapp sechs Jahre später, am 7. April 1966, wurde er zum Zollobersekretär befördert und setzte damit seinen beruflichen Weg stetig fort.

Am 10. März 1972 folgte die Beförderung zum Zollhauptsekretär, die seine langjährige Tätigkeit im Zolldienst würdigte.

Am 21. Juli 1987 wurde Alois nach vielen Dienstjahren als Beamter auf Lebenszeit in den wohlverdienten Ruhestand versetzt.

Alois Schweiger und Zöllner armin Baldringer an einer DDR Grenzhinweissäule, rechts der Wegspitze Melpers - Oberfladungen. Aufnahmejahr 1965 (Bildnachweis: Sammlung Familie Schweiger, KI verbessert)

Ein deutscher Zöllner in DDR-Haft
An einem Sonntag den 2 Juli 1950 kam es an der deutsch-deutschen Grenze zu einem Zwischenfall, als Alois mit einem Kollegen beim Streifendienst eine Frau mit Rucksack und Taschen entdeckten, die in Richtung Grenze gelaufen kam. Die Zöllner wollten der Frau den Weg abschneiden und merkten gar nicht, dass sie in ihrem Eifer die Grenze überschritten. Diese war zu dieser Zeit nur alle 50m mit gelbweißer Farbe an den Grenzsteinen und gelbweißen Streifen an den Bäumen markiert. Als die Grenzer das Malheur bemerkten, versuchten sie schleunigst auf getrennten Wege wieder in den Westen zu kommen. Schüsse fielen, erst zur Warnung, dann gezielt. Alois versuchte sich zu verstecken, wurde aber von zwei Volkspolizisten entdeckt und aufgegriffen. In Melpers (Thüringen) musste er sich tagelang Verhöre durch die Russen, und der Volkspolizei unterziehen. 3 Tage später, am Mittwoch den 5. Juli wurde ihm schließlich auf Intervention der Amerikaner, der Zollbehörden und der bayerischen Polizei mitgeteilt, dass gegen ihn nichts vorliege. Am Donnerstag, 6. Juli wurde ihm seine Ausrüstung ausgehändigt und er wurde an der Wegesperre Gerthausen - Weimarschmieden wieder freigelassen.

Initiator der Städtepartnerschaft mit Fladungen und des Fladunger Platzes in Nassenfels

Durch seine familiären Bindungen nach Nassenfels kam es schon früh zu ersten gegenseitigen Besuchen. Zusammen mit dem Nassenfelser Anton Duman brachte Alois Schweiger dann die Städtepartnerschaft auf den Weg, deren Unterzeichnung am Samstag den 05.Juli 1986 im Rahmen des Festwochenendes zur 1900 Jahrfeier stattfand.

Auch ist es Alois Schweiger zu verdanken, dass Nassenfels eine originale DDR-Grenzhinweissäule als Dauerleihgabe am Fladunger Platz aufstellen konnte. Ein echtes Stück Deutsch-Deutsche Geschichte.

Leider erhielt die GHS über die Jahre hinweg starke Witterungsschäden, sodass die Gemeinde Nassenfels im Frühjahr 2026 beschloss, die Dauerleihgabe der Stadt Fladungen aus Sicherheitsgründen zu entfernen. Derzeit laufen Überlegungen im Verein für Heimatpflege im Schuttergäu, wie die Reste der GHS  witterungsgeschützt in den Fladunger Platz wieder eingebunden werden kann. 

Delegation des Markt Nassenfels im Rathaus von Fladungen in den 80er Jahren. Ganz links steht Alois Schweiger in seiner Zoll-Uniform, daneben der damalige Nassenfelser Bürgermeister Peter hecker mit seiner Drau. Rechts vorne (Sammlung Michael Schweiger)

Alois Schweiger und Anton Dumann vor der Nassenfelser Burg. (Bildnachweis: Sammlung Michael Schweiger)


Quellen

  • Michael Schweiger
  • Aufzeichnungen von Alois Schweiger

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