Die DDR-Grenzhinweissäule am Fladunger Platz ist Geschichte
- im Wahrsten Sinne des Wortes -
von Prof. Dr. Kerstin Merkel
Im April standen einige Mitglieder unseres Vereins sprachlos vor dem Stumpf der abgesägten DDR-Grenzsäule auf dem Fladunger Platz. Außer der Säule fehlten zwei große Steine, die gleichfalls Bestandteil des einzigen und wichtigsten zeitgenössischen Denkmals in Nassenfels waren, tatsächlich des einzigen im Landkreis, das der Deutschen Einheit gewidmet ist.
Vandalismus? Hat jemand mutwillig mit der Flex die Säule abgesägt und mitsamt den Steinen gestohlen. Keineswegs, die Stelle war sauber mit Bauzaun abgesperrt und die Stücke fanden sich dann im Bauhof der Gemeinde, die den „Abbau“ veranlasst hatte.
Letztes Jahr noch feierte der Verein für Heimatpflege den Tag der Deutschen Einheit an einer der letzten originalen DDR-Grenzhinweissäulen. Sie kam im Jahr 2000 als Leihgabe der Partnerstadt Fladungen nach Nassenfels und wurde 2002 in einer feierlichen Einweihungszeremonie auf dem Platz vor der Schule aufgestellt. Am Tag der Deutschen Einheit lud hier der Verein zu Rotkäppchensekt und Julius-Bräu-Bier ein. Einige der Honoratioren, die einst mit viel Privatinitiative den Bau des Denkmals organisierten, waren auch dabei.
Glatt abgesägt - der Stumpf der Origina-Säule steckt noch im Boden. Man kann weder am Beton, noch an den Armierungen gravierende Schäden feststellen (Foto: Merkel)
Vor zwei Jahren zeigte sich schon eine Rissbildung mit abbröckelndem Beton. Die DDR-Plakette wurde mittlerweile gestohlen, doch war es zum Glück nur eine Kopie. Unser Verein hatte schon Ersatz besorgt. Das Original ist bei Sammlern sehr begehrt und wird deshalb im Archiv aufbewahrt. (Foto: Merkel)
An diesem Tag wurde auch der immer schlechter werdende Zustand der Säule thematisiert. Der Beton bröckelte ab, die Metallarmierungen wurden sichtbar. Die beiden Vorsitzenden des Vereins, beide vom Fach und beide bestens vernetzt, hätten gerne einen Restaurierungsfachmann zu Rate gezogen und boten dem 2. Bürgermeister während des kleinen Festes ihre Unterstützung an. Man einigte sich darauf, das weitere Vorgehen gemeinsam bzw. unter Einbeziehung des Vereins und dessen Fachkompetenz abzusprechen.
Umso entsetzter war unser Verein, als die Säule plötzlich verschwunden war. Die Art und Weise der Entfernung ist alles andere als fachmännisch, wurde das Denkmal doch einfach abgesägt und dann in zwei Teile halbiert, das untere Drittel blieb im Boden stecken. Der Stumpf zeigt keinerlei Rost oder Baufälligkeit, sondern ist vollkommen intakt. Für diese Zerstörung gab es keinerlei Grund. Hätte man sie fachmännisch entfernen wollen im Hinblick auf eine eventuelle Renovierung, hätte man sie ausgraben und in einem Stück belassen müssen.
Angeblich sei von dieser Säule eine Gefährdung für die Schulkinder ausgegangen. Das wurde jedoch nicht von einem ausgewiesenem Fachmann wie einem Restaurator oder Statiker bestätigt. Statt dessen hat man den Bauhof mit der Begutachtung und der umgehenden „Entfernung“ beauftragt. Bei den durchgesägten Metallarmierungen ist deutlich zu sehen, dass diese nicht durchgerostet waren. Die „Gefährdung“ bestand unseres Erachtens lediglich aus herabbröselnden Betonputz. Wie dem auch sei, hier ist viel zu schnell „mit Kanonen auf Spatzen geschossen“ worden.
Mittlerweile konnten die beiden Vorsitzenden des Vereins die Reste der Säule im Nassenfelser Bauhof sehen. Ob hier noch eine Renovierung möglich ist, wird man nun recherchieren. Es wäre jedenfalls wesentlich einfacher und kostengünstiger gewesen, hätte man sie in einem Stück vor Ort gelassen. Die angebliche Gefährdung, die von dieser Säule ausgegangen sei, wurde jedenfalls nicht von einem ausgewiesenen Fachmann bestätigt.
Dauerleihgabe der Partnerstadt Fladungen
Besonders unangenehm ist dabei, dass sich die Säule nicht im Besitz der Marktgemeinde befindet, sondern lediglich eine Leihgabe der Partnerstadt Fladungen ist. Genau wie ein großer Basaltstein, der gemeinsam mit einem heimischen Jurastein vor der Säule lag und die Partnerschaft von Nassenfels und Fladungen symbolisiert. Die einst flach auf dem Boden liegenden Steine, gleichfalls Bestandteile des Denkmals, fanden sich auch im Bauhof. Welche Gefährdung von ihnen ausgegangen sein soll, erschließt sich nicht.
Die Reste der DDR-Grenzhinweissäule im Bauhof Nassenfels (Foto: Merkel)
Prof. Dr. Kerstin Merkel zusammen mit dem 3. Bgm Edmund Graf vor den traurigen Resten der Grenzhinweissäule (Foto: K. H. Rieder)
Der Basaltstein und der heimische Jurastein (Foto: K. H. Rieder)
Der Verein für Heimatpflege im Schuttergäu wird das Problem nun konstruktiv angehen, da das Geschehene nicht rückgängig zu machen ist. Nach erneuter Absprache mit dem 2. Bürgermeister Edmund Graf soll ein Restaurator die Säule begutachten, damit diese gesichert und zumindest aufbewahrt werden. Bestenfalls kann man sie wieder in das Denkmal integrieren. Sollte das nicht möglich sein, soll an eine Kopie gedacht werden. Das Original bleibt aber das Original – seine Authentizität und seine Echtheit sind die wahren Zeugen der deutschen Geschichte und der Wiedervereinigung, nicht eine noch so gute Betonkopie.
Wer nun noch eine Originalsäule des „Mauer“ sehen will, muss in eines der Grenzlandmuseen nahe der ehemaligen Grenze fahren. Von den rund 2000 Säulen sind fast alle zerstört und verloren. Als Grenzpunkt 122 stand „unsere“ Säule einst am nördlichsten bayerischen Punkt des Zaunes, der Deutschland teilte – ein ganz besonderes Denkmal und Zeugnis der Deutsch-Deutschen Geschichte. Unser Verein wird sich für den Erhalt des gesamten Denkmals engagieren und auch dieses Jahr den Tag der Deutschen Einheit ebendort feiern, hoffentlich mit guten Nachrichten für die originale Säulen.
Ein wenig Theorie zu Original und Kopie
Man könnte meinen, dass man das zerstörte Denkmal einfach durch eine Kopie ersetzen kann, es sieht doch genau so aus! Doch mal ehrlich, hätten Sie lieber einen echten Picasso oder einen perfekten Kunstdruck an der Wand hängen? Dabei ist es nicht nur der finanzielle Aspekt, der den Unterschied ausmacht.
Ein echtes Werk definiert seinen Wert durch seine erlebte Geschichte und durch seine Veränderung (PATINA). Nur deshalb bestaunen wir in Museen historische Zeugen wie den Mantel von Napoleon, der trotz seiner Zerschlissenheit doch immer noch die echte Erinnerung an den Kaiser in sich trägt. Die Einzigartigkeit eines Objekts, inklusive diesem „Hauch der Erinnerung“, nennt man in der Fachsprache AURA.
Eine Kopie kann zwar aussehen wie das Original, ihr fehlt jedoch die historische Zeugenschaft des Originals, also PATINA und AURA.
Die Authentizität eines Werks ist untrennbar mit dem Original und seiner Einzigartigkeit verbunden. Die Kopie der DDR-Grenzsäule kann deshalb nur eine Notlösung sein.
Wer noch tiefer in die Kunsttheorie einsteigen möchte, sei das Werk „Kunst im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von Walter Benjamin empfohlen.
Sitelinks
Ausführliche Informationen zu der Grenzsäule und finden Sie hier auf unserer Homepage.
- 03. Okt. 2025: 25 Jahre Grenzsäule am Fladunger Platz
- Grenzhinweissäule der ehem. DDR am Fladunger Platz in Nassenfels
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