Die lächelnde Madonna in der Pfarrkirche von Möckenlohe (6/26)

Veröffentlicht am 14. Juni 2026 um 16:26

von Prof. Dr. Kerstin Merkel

Die kleine Pfarrkirche in Möckenlohe birgt mit der hochmittelalterlichen Marienskulptur ein ganz besonderes und hochwertiges Kunstwerk in seinen Mauern. Wohl kurz nach 1300 entstanden, ist sie das älteste Zeugnis der dortigen Marienverehrung. Wahrscheinlich war die Madonna Mittelpunkt einer Wallfahrt nach Möckenlohe, die durch den 30-jährigen Krieg beendet wurde. Alle andern älteren Werke und Votivgaben sind im Laufe der Jahrhunderte verschwunden, einzig diese Skulptur blieb erhalten, was für ihre zentrale Funktion in der Wallfahrt spricht. 

Es gibt keine Schriftquellen zu der Skulptur. Deshalb soll hier erklärt werden, warum man sie trotzdem ziemlich eindeutig datieren kann und was ihr Lächeln und ihre elegante Kleidung damit zu tun hat.

Beschreibung

Die Skulptur steht auf der Mensa vor dem linken Seitenaltar. Die stehende junge Frau hält das segnende Jesuskind auf ihrem linken Arm. Sie trägt einen Schleier über ihrem offenen Haar sowie ein langes weißes Kleid mit Goldmuster und Goldbordüren. Unter dem Saum des Kleides schauen die Spitzen ihrer eleganten Schuhe hervor, mit denen sie eine Schlange zertritt, deren offenes Maul auf den Betrachter gerichtet ist. Den voluminösen Umhang zieht sie mit ihrer linken Hand quer über ihren Körper.

Dir Madonna steht heute vor dem linken Seitenaltar (Foto: K.Merkel)

Das Kind sitzt locker auf der Hand der Mutter. Seine blonden Löckchen liegen eng am Kopf an, das weiße Kinderkleid reicht bis zu den nackten Füßen. Mit der rechten Hand segnet es den Betrachter, in der linken hält es eine blaue (Welt-)Kugel. Eine Schramme auf der Wange soll durch den Säbelhieb eines schwedischen Soldaten im 30-Jährigen Krieg entstanden sein. 


Die kleinen Volants am Rand des Schleiers, die zierlichen Goldlöckchen des Kindes, die "Tassel" als Mantelschließe und das freundliche Lächeln von Maria und ihrem Sohn sind typische Zeitelemente, mit denen sich das Werk datieren lässt. (Foto: K. Merkel)

Datierung

Wie kann man dieses Werk so genau in das frühe 14. Jahrhundert datieren? In der Kunstwissenschaft zieht man vergleichbare Werke heran und analysiert stilistische Merkmale. Hier möchte ich das mit der Altenburger Madonna erklären, die durch das Frankfurter Städel letztes Jahr erworben wurde (Frankfurter Städel Museum erwirbt Altenberger Madonna - Kulturstiftung ). Mutter und Kind zeigen das gleiche freundliche Lächeln, das in der Kunst ganz neu genutzt wird. Bisher waren Maria und Jesus distanziert und ernsthaft, nun jedoch nehmen sie offen und liebenswert Kontakt mit den gläubigen Betrachtern auf. Eine Schwelle zwischen dem Betenden und den beiden gibt es nicht mehr. Das ist tatsächlich das wichtigste Merkmal bei den Mariendarstellungen dieser Epoche, die einige Jahrzehnte später in dem Motiv der „Schönen Madonnen“ gipfelt. Aber auch Details wie die goldenen Kringellöckchen des Kindes verweisen auf die gleiche Entstehungszeit von der Altenburger und der Möckenloher Madonna.

Ein weiteres Datierungkriterium ist die Mode. Maria wurde nicht in zeitloser oder antikischer Kleidung dargestellt, sondern topmodern ganz im Trend der Zeit. Auf zwei Merkmale sei hier hingewiesen. Erstens die kleinen Volants am Rand ihres Schleiers. Damals nannte man diese Vorlants „Kruseln“ und die Schleier „Kruseler“. Das zweite wichtiges Datierungskriterium ist die „Tasselband“. Es handelt sich um das breite Band quer vor ihrer Brust, mit dem der Mantel zusammengehalten wird. Die beiden Enden sind als Fransen gestaltet, auch ganz typisch für diese Zeit.

Das Lächeln und der mittelalterliche Zeitgeist

Maria entspricht mit ihrem freundlichen Lächeln und der Kleidung also ganz dem Zeitstil. Doch wie ist es mit dem Zeitgeist. Warum lächelt sie denn überhaupt?

Dafür gibt es zwei zeitgeschichtliche Gründe. Zum einen sorgte die religiöse Bewegung der Mystik dafür, dass man Maria und Jesus plötzlich so menschlich, freundlich und so nahbar darstellte. Die Mystik als neue Form der Glaubens- und Gebetskultur wollte Gottes Liebe zum Menschen bildlich darstellen. Es war nicht mehr der strenge Gott als Richter, sondern der liebende Gott als Retter, der in diesen emotionalen Bildern zu entdecken ist. Gottes Sohn ist hier ein kleines zappeliges Kind, getragen von einer jungen lächelnden Mutter. Der Wandel der Kunstwerke ging einher mit dem Wandel des Glaubens.

Zum zweiten ist es aber auch die höfische Kultur, die dem Adel und seinen Bildnissen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Die Benimmregeln waren streng und ausgefeilt. Wer am Hofe bestehen wollte, beherrschte sich und seinen Körper bis hin zur Mimik. Elegante Haltung und Bewegung wurden von klein auf eingeübt. Und natürlich sollten gerade die Damen gute Laune verbreiten und verstanden sich darauf, freundlich und lächelnd durch die Welt zu gehen. Tatsächlich ist dieser „Habitus“ ein soziales und kulturelles Kennzeichen.


Maria zertritt mit dem rechten Fuß die Schlange als Symbol des Bösen. (Foto: K. Merkel)

Wer das testen möchte, der vergleiche mal das breite Instagram-Lachen mit weit offenem Mund und das „natürliche“ Lachen auf Siebziger-Jahre-Familienfotos. Je älter die Fotos, desto weniger wird gelacht, eher gelächelt. In alten gemalten Porträts wird man keinerlei Lachen à la Instagram finden. Die Gründe dafür zu erklären ginge hier zu weit, aber es macht sicher deutlich, dass das Lächeln der Möckenloher Maria ein Zeichen seiner Zeit und der damaligen Kultur war.

Alles in allem ist diese Madonna ein besonders schönes Werk und meine persönliche Favoritin in der Möckenloher Kirche.